Von Bukarest nach Chișinău sind es auf der Karte nur wenige hundert Kilometer. Im Nachtzug werden daraus dreizehn Stunden zwischen Rumänien und Moldawien. Zwischen kyrillischen Anzeigen, engen Viererabteilen und zwei Grenzkontrollen in der Nacht. Eine Fahrt durch Dunkelheit und Metall, bei der man spürt, dass man nicht nur den Ort wechselt, sondern einen Übergang passiert.
Kyrillische Anzeigen
Der Zug steht bereit, aber wir finden unser Abteil nicht.
Die Anzeigen am Bahnhof sind auf kyrillisch. Gleisnummern, Wagennummern, Abteile. Alles vorhanden, nur nicht verständlich. Wir vergleichen Tickets, schauen wieder hoch. Es hilft nichts.
Ein Schaffner nimmt uns die Fahrkarten aus der Hand, sagt etwas, das wir nicht verstehen, und geht voraus. Wir folgen ihm durch den schmalen Gang. Türen links und rechts, gedämpftes Licht, leise Stimmen.
Er bleibt stehen und öffnet eine Tür.
Vier Bänke
Das Abteil ist kleiner, als es von außen wirkte.
Vier Bänke, zwei unten, zwei oben. Dunkles Leder, an den Kanten aufgeplatzt. Ein schmaler Tisch am Fenster. Schwere Gardinen. Auf den Sitzen liegt gefaltete Bettwäsche mit verblasstem Muster.
Wir sind zu dritt. Das Gepäck füllt den Raum schnell. Taschen auf dem Boden, auf dem Tisch, unter der Bank. Knie stoßen aneinander. Jeder Handgriff muss abgestimmt werden.
Die obere Liege wirkt schmaler, als sie sollte. Man liegt nah an der Decke, nah an der Wand. Bei jeder Bewegung knarrt das Metall. Wir spielen aus, wer hinaufmuss.
Am Ende des Wagens die Toilette. Alles aus Metall. Ein schweres Pedal am Boden. Man tritt darauf, und für einen Moment öffnet sich die Welt nach unten. Gleise, Schwellen, Dunkelheit. Dann schließt sich die Klappe wieder.
Zurück im Abteil fährt der Zug bereits. Gleichmäßig. Das Licht bleibt an.
Bockwurst im Speisewagen
Im Speisewagen hängen Gardinen an den Wänden, als wollten sie etwas verbergen, das es nicht gibt.
Eine Frau steht hinter einem schmalen Tresen. Über ihr eine Karte mit wenigen Gerichten. Wir bestellen das Abendmenü. Bockwurst mit Kartoffelsalat und etwas Grünem daneben. Dazu ein lokales Bier.
Wir essen im Stehen an einem kleinen Tisch. Der Zug bewegt sich ruhig, nur das Glas klirrt leicht gegen die Flasche. Es schmeckt nach nichts Besonderem. Warm, salzig, ausreichend.
Zwei weitere Reisende stellen sich zu uns. Sie erzählen, dass sie nach Kiew wollen. Sie wollen den Krieg sehen. Sagen es beiläufig, fast neugierig.
Niemand reagiert sofort.
Das Gespräch versandet schnell. Wir trinken aus, stellen die Flaschen zurück auf den Tresen und gehen in unser Abteil.
Draußen ist es inzwischen dunkel.
Grelles Licht
Wir schlafen nicht tief.
Irgendwann in der Nacht öffnet sich die Tür. Grelles Licht. Zwei Männer in Uniform stehen im Abteil. Sie passen kaum hinein. Rumänische Grenzbeamte. Einer nimmt die Pässe, der andere schaut uns an. Kein Lächeln. Kein Gespräch.
Die Tür schließt sich wieder. Der Zug steht. Lange.
Dann fährt er ein Stück weiter. Hält erneut.
Wieder Licht. Diesmal kommt der Schaffner. Er spricht schnell, auf Russisch oder Rumänisch, wir verstehen nur das Wort „Pasaport“. Er sammelt die Pässe ein und verschwindet. Man liegt da und weiß nicht genau, wo das eigene Dokument gerade ist.
Später treten moldawische Grenzbeamte ein. Mit Hund. Der Hund schnüffelt am Boden, an Taschen, an Schuhen. Die Beamten blättern durch die Pässe, gleichen Gesichter mit Fotos ab. Der Stempel ist bereits gesetzt.
Die Tür geht wieder zu. Das Licht erlischt.
Der Zug fährt weiter.
Chișinău am Morgen
Als wir aufwachen, ist es hell.
Der Zug rollt langsamer. Industriehallen ziehen vorbei, dann Wohnblocks, dann leere Gleise. Niemand spricht im Abteil. Die Bettwäsche liegt zerknittert auf den Bänken.
Nach dreizehn Stunden halten wir in Chișinău.
Der Bahnsteig wirkt weit nach der Nacht im Abteil. Kühle Luft. Ein paar Menschen stehen verstreut unter dem Dach. Keine Lautsprecheransagen, nur Schritte auf Beton.
Wir steigen aus, strecken uns kurz und nehmen unsere Rucksäcke.
Der Zug bleibt stehen, als würde er sich ausruhen.
Hinter uns liegen zwei Grenzen. Vor uns eine Stadt, die wir noch nicht kennen.
Für einen besseren Überblick über Geschichte, politische Hintergründe und kulturelle Besonderheiten Moldawiens hat mir ein klassischer Reiseführer geholfen, Eindrücke und Begegnungen einzuordnen.
