Peaks of the Balkans – Erfahrungen jenseits von Etappen und Höhenmetern
Der Peaks of the Balkans Trail wird oft als spektakulärer Fernwanderweg beschrieben, als wilde Alternative zu bekannten Routen in den Alpen. Viele verbinden damit große Gipfel, abgeschiedene Natur und eine klare Etappenstruktur. Wer sich darauf einlässt, merkt jedoch schnell, dass diese Tour nach anderen Regeln funktioniert. Weniger Komfort, weniger Planbarkeit und deutlich mehr Eigenverantwortung prägen den Alltag auf dem Weg.
Ich bin den Peaks of the Balkans im Hochsommer zu zweit gegangen. Nicht mit dem Ziel, jede Etappe „abzuhaken“, sondern mit dem Anspruch, die Route als Ganzes zu erleben. Was dabei entstanden ist, war keine klassische Mehrtagestour, sondern eine intensive Reise durch Hitze, Erschöpfung, einfache Unterkünfte und unerwartete Begegnungen. Dieser Artikel ist bewusst kein Etappenbericht. Er soll einordnen, was den Peaks of the Balkans wirklich ausmacht, warum die Tour oft unterschätzt wird und für wen sie geeignet ist und für wen nicht.
Dieser Artikel beschreibt Erlebnisse, Bedingungen und persönliche Erfahrungen.
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Warum Peaks of the Balkans anders ist als viele denken
Auf den ersten Blick wirkt der Peaks of the Balkans Trail technisch harmlos. Meist breite Wege, keine ausgesetzten Passagen, kaum alpine Schwierigkeiten. Genau das führt dazu, dass viele die Tour unterschätzen. Der Anspruch entsteht nicht durch Technik, sondern durch Dauer, Hitze und die stetige Wiederholung von langen Anstiegen und Abstiegen.
Besonders deutlich wird dieser Bruch zwischen Erwartung und Realität auf den bekanntesten Abschnitten. Dort zeigt sich, wie unterschiedlich Wahrnehmung und tatsächlicher Charakter der Tour sein können. Was anfangs noch wie eine stark frequentierte Wanderroute wirkt, verändert sich schnell. Mit jedem weiteren Tag nimmt die Infrastruktur ab, die Wege werden einsamer und die Belastung gleichmäßiger, aber nicht geringer.
Der Peaks of the Balkans ist kein durchinszenierter Fernwanderweg. Er verbindet Täler, Dörfer und Grenzregionen lose miteinander. Unterkünfte liegen fast immer tief im Tal, Höhenmeter sammeln sich unauffällig, Wasser ist nicht selbstverständlich und Komfort selten. Wer das akzeptiert, erlebt eine intensive Mehrtagestour mit eigenem Rhythmus. Wer es nicht tut, wird weniger an der Strecke scheitern als an den Rahmenbedingungen.
Wenn dich das Wandern abseits klassischer Routen interessiert, findest du hier eine Einordnung zum Wandern in Albanien mit Fokus auf Landschaft, Anforderungen und Eigenverantwortung.
Hochsaison, Hitze und Überforderung
Wir sind den Peaks of the Balkans Trail im Juli gegangen, mitten in der Hochsaison. In der ersten Hälfte der Tour lagen die Temperaturen tagsüber regelmäßig über 35 Grad. Dazu kam wolkenloser Himmel, kaum Wind und lange Abschnitte ohne Schatten. Gerade in den offenen Hochlagen und auf südexponierten Anstiegen wurde die Hitze schnell zum dominierenden Faktor. Der Weg selbst trat in den Hintergrund, entscheidend war nur noch, wie man mit den Bedingungen umging.
Besonders deutlich zeigt sich die Hochsaison auf der Etappe von Theth nach Valbona. Der Weg ist stark frequentiert, stellenweise überfüllt und wirkt eher wie eine touristische Hauptachse als wie der Beginn einer mehrtägigen Wanderung. Viele Menschen sind unterwegs, oft mit sehr unterschiedlichen Erwartungen und sehr unterschiedlicher Vorbereitung. In Kombination mit der Hitze entsteht hier schnell eine mentale Überforderung, lange bevor der eigentliche Charakter der Tour sichtbar wird.
In anderen Abschnitten, vor allem im Kosovo, führt der Trail teils kilometerlang über Asphalt, oft bergauf und ohne jede Möglichkeit, dem Sonnenlicht auszuweichen. Diese Passagen waren uns vorher bewusst, trotzdem haben sie uns mehr zugesetzt als erwartet. Asphalt speichert die Hitze, jeder Schritt wirkt schwerer, Pausen bringen kaum Erholung. Das Gehen wird monoton, der Kopf müde, die Konzentration lässt nach. Gerade an solchen Tagen merkt man, wie stark Hitze das Tempo, die Pausenlänge und die eigene Aufmerksamkeit beeinflusst.
Wir haben uns bewusst dafür entschieden, keine Abschnitte auszulassen und die Tour vollständig zu gehen, auch wenn sie sich in diesen Momenten alles andere als genussvoll anfühlte. In der zweiten Hälfte der Tour änderten sich die Bedingungen spürbar. Die Temperaturen lagen etwa zehn Grad niedriger, es war häufiger bewölkt und teilweise windig. Körperlich war das deutlich angenehmer, gleichzeitig stellte der ständige Wechsel der Bedingungen neue Anforderungen. Der Peaks of the Balkans verlangt, sich immer wieder neu einzustellen. Wer hier im Hochsommer unterwegs ist, muss Hitze nicht nur aushalten, sondern aktiv mit ihr umgehen können.
Wasser, Krankheit und Verantwortung
Wasser ist auf dem Peaks of the Balkans kein logistisches Detail, sondern ein zentrales Thema. Quellen sind unregelmäßig, Entfernungen schwer einschätzbar und Versorgungsmöglichkeiten unterwegs keine Selbstverständlichkeit. Gerade in der Hochsaison bei großer Hitze entscheidet das Wassermanagement oft darüber, wie kontrolliert ein Wandertag verläuft.
Besonders deutlich wurde das auf der Etappe von Valbona nach Čerem mit Gipfelabstecher. Nach dem Aufstieg war die Erschöpfung so groß, dass wir trotz Hitze nicht mehr geschwitzt haben, ein klares Warnsignal. Wir hatten zu wenig Wasser dabei und mussten fast eine Stunde weitergehen, bis wir eine kleine Alm erreichten. Dort gab es Wasser und gekühlte Cola. Es war Glück, nicht Planung. Genau solche Situationen zeigen, wie schnell Überforderung entstehen kann, selbst auf technisch einfachen Wegen.
Neben der Hitze spielt auch Krankheit eine größere Rolle, als viele erwarten. In Dobërdol wurden mehrere Wandernde krank, darunter auch wir. Übelkeit, Erbrechen und starke Schwäche machten an Weitergehen nicht zu denken. Eine Vierergruppe, die wir zuvor begleitet hatten, musste die Tour an dieser Stelle komplett abbrechen. Unklar blieb, ob verunreinigtes Wasser oder mangelnde Hygiene die Ursache war. Klar war nur, dass medizinische Hilfe hier kaum verfügbar ist und Entscheidungen selbst getroffen werden müssen.
Auch scheinbar banale Dinge können zum Abbruch führen. Eine Wanderin, die wir unterwegs trafen, musste die Tour beenden, weil sie mit ungeeigneten Schuhen gestartet war. Nach wenigen Tagen hatten sich über beide Fersen großflächige Blasen gebildet, die kein Weitergehen mehr zuließen. Solche Situationen wirken unspektakulär, sind aber auf einer mehrtägigen Tour ohne Alternativen oft endgültig.
Der Peaks of the Balkans verlangt Eigenverantwortung. Wasser filtern oder sicher beziehen, Symptome ernst nehmen, Pausen zulassen und notfalls umkehren. Nicht aus Vorsicht, sondern aus Respekt vor den Bedingungen. Wer diese Verantwortung unterschätzt, riskiert nicht Abenteuer, sondern vermeidbare Probleme.
Technisch leicht – körperlich fordernd
Rein technisch ist der Peaks of the Balkans Trail überraschend einfach. Die Wege sind meist klar erkennbar, es gibt kaum ausgesetzte Passagen, keine Kletterstellen und nur selten Stellen, an denen echte Trittsicherheit gefordert ist. Wer alpine Erfahrung hat, wird sich schnell fragen, warum diese Tour oft als anspruchsvoll beschrieben wird.
Die Antwort liegt nicht im Gelände, sondern in der Kombination aus Länge, Höhenmetern und Tagesstruktur. Viele Etappen sind lang und führen fast immer erst steil bergauf und anschließend wieder tief ins Tal, da die Unterkünfte meist unten liegen. Höhenmeter sammeln sich so unauffällig, aber konsequent. Dazu kommt die Hitze, die fehlende Infrastruktur unterwegs und das gleichförmige Gehen über viele Stunden. Pausen lassen sich nicht immer frei wählen, weil Wasser, Schatten oder Unterkünfte fehlen.
Im Vergleich zu klassischen Hüttentouren in den Alpen empfand ich die Tour als deutlich anstrengender. Nicht wegen des technischen Anspruchs, sondern wegen der Dauerbelastung. Kaum ein Tag fühlt sich wirklich leicht an. Selbst Etappen ohne besondere Highlights fordern Konzentration und Durchhaltevermögen. Genau das macht den Charakter dieser Route aus: Sie verlangt weniger Können, dafür umso mehr körperliche und mentale Stabilität.
Welche Ausrüstung sich auf Touren in einfachem, aber forderndem Gelände bewährt hat, habe ich in meiner Packliste für alpine Tagestouren und längere Etappen zusammengefasst.
Begegnungen unterwegs
Die prägendsten Begegnungen auf dem Peaks of the Balkans entstehen nicht geplant, sondern beiläufig. Meist dann, wenn man müde ist, anhält oder glaubt, gerade nichts Besonderes zu erleben. Genau darin liegt ihre Wirkung.
Auf einer Etappe kamen wir an einem einfachen Hof vorbei. Wir hofften auf Wasser oder etwas zu essen, doch die Bewohner verstanden uns nicht. Ein etwa zehnjähriger Junge im Albanien-Trikot kam dazu, sprach Englisch und übersetzte. Der Großvater bereitete uns schließlich Kaffee im Garten zu. Als wir fertig waren, sagte der Junge selbstbewusst: „Now you have to pay. Ten Dollar.“
Der Großvater verstand sofort, was passiert war. Er wurde laut, gestikulierte heftig und machte unmissverständlich klar, dass wir nichts bezahlen sollten. Es war kein freundlicher, sondern ein ernster Moment. Einer, der mehr über Werte, Stolz und Gastfreundschaft sagte als viele Worte.
An anderer Stelle mussten wir längere Zeit an einer Straße entlanggehen. Ein alter Mann hielt in einem völlig heruntergekommenen Golf 2 an und bestand darauf, uns mitzunehmen. Beim Öffnen der Hintertür hatte ich plötzlich den Türgriff in der Hand. Ich zeigte ihn ihm. Er zuckte nur mit den Schultern, warf den Griff an den Straßenrand und fuhr los. Fünf Kilometer weiter setzte er uns im nächsten Dorf ab. Keine Erklärung, kein Gespräch, kein Dank erwartet. Nur ein großes Lächeln.
In einem kleinen Park saßen drei Männer auf einer Bank, vor ihnen Bier und viel Essen. Sie winkten uns heran und wir mussten „Mamas Ćevapi“ probieren. Es wurde nicht gefragt, ob wir Hunger hatten. Es wurde einfach geteilt. Solche Begegnungen waren nie inszeniert, sondern selbstverständlich. Direkt, herzlich und ohne Erwartung.
Besonders im Kosovo begegneten wir immer wieder Menschen, die viele Jahre in Deutschland gelebt hatten. Einer von ihnen hatte über 30 Jahre dort gearbeitet und war zurückgekehrt. Er sprach perfekt Deutsch und sagte, er müsse hier nicht mehr viel besitzen. Das Leben sei einfacher, aber besser. Viele dieser Begegnungen haben meinen Blick auf die Region stärker geprägt als jede Landschaft.
Am Ende war da noch ein Hund, der uns eine komplette Etappe begleitete, wartete, wieder verschwand und am nächsten Tag mit anderen Wandernden weiterzog. Niemand gehörte ihm. Und doch war er für einen Moment Teil dieses Weges.
Der Peaks of the Balkans lebt von solchen Begegnungen. Nicht von großen Geschichten, sondern von kleinen Momenten, die bleiben.
Gemeinschaft, Nähe und Wiedersehen
Auf dem Peaks of the Balkans entsteht fast automatisch eine eigene kleine Gemeinschaft. Nicht, weil man das sucht, sondern weil der Weg es erzwingt. Es gibt nur wenige Unterkünfte, kaum Ausweichmöglichkeiten und einen klaren Etappenrhythmus. Wer morgens losgeht, sieht sich abends fast zwangsläufig wieder. Tag für Tag. Manche Gesichter tauchen plötzlich wieder auf, obwohl man dachte, sie längst hinter sich gelassen zu haben.
Abends sitzt man gemeinsam am Tisch. Alle essen dasselbe, trinken dasselbe, hören dieselben Geschichten. Die Gastgeber schlafen oft im selben Haus, manchmal im Raum nebenan. Das fühlt sich weniger nach Unterkunft an als nach vorübergehendem Familienleben. Nähe entsteht schnell, Privatsphäre kaum. Gespräche drehen sich um Hitze, Wasser, Müdigkeit, kleine Krisen und darum, wie es morgen weitergeht. Vieles wiederholt sich, und genau das verbindet.
Diese permanente Nähe ist nicht immer angenehm. Es gibt Tage, an denen man sich nach Stille sehnt oder froh wäre, jemanden nicht noch einmal zu sehen. Gleichzeitig entsteht genau daraus ein Gefühl von Zusammenhalt, das man auf klassischen Hüttentouren selten erlebt. Man ist Teil eines temporären Mikrokosmos, der sich mit jedem Tag verändert und am Ende genauso schnell wieder auflöst, wie er entstanden ist.
Für wen diese Tour geeignet ist – und für wen nicht
Der Peaks of the Balkans ist keine technische Herausforderung im klassischen Sinn. Die Wege sind meist gut zu gehen, Kletterstellen oder ausgesetzte Passagen spielen kaum eine Rolle. Trotzdem ist diese Tour körperlich und mental anspruchsvoll. Lange Distanzen, viele Höhenmeter und vor allem die Hitze in den Sommermonaten verlangen eine solide Grundfitness und die Fähigkeit, über mehrere Tage hinweg durchzuhalten.
Geeignet ist die Tour für Menschen, die Erfahrung mit mehrtägigen Wanderungen haben, ihre Belastungsgrenzen kennen und Verantwortung für sich selbst übernehmen können. Wer weiß, wie viel Wasser er braucht, Pausen sinnvoll einteilt und mit einfachen Bedingungen umgehen kann, wird hier eine intensive und ehrliche Form des Wanderns erleben. Auch Offenheit hilft. Für Begegnungen, für Unvorhergesehenes und für Situationen, die sich nicht planen lassen.
Weniger geeignet ist der Peaks of the Balkans für Einsteiger oder für alle, die den Komfort klassischer Alpenhütten gewohnt sind. Wer perfekte Wegmarkierungen, durchgehend hochwertige Unterkünfte oder abwechslungsreiche Küche erwartet, wird schnell enttäuscht sein. Auch als reine Genusswanderung mit Fokus auf Leichtigkeit und Erholung funktioniert diese Tour nur bedingt. Dafür ist sie zu lang, zu fordernd und zu wenig flexibel.
Überraschend positiv war für mich die Verpflegung als Vegetarier. In nahezu allen Unterkünften gab es vegetarische Gerichte, meist einfach, aber sättigend. Viel Käse, Brot, Gemüse und Eintöpfe. Für strenge Veganer ist die Tour allerdings problematisch, da tierische Produkte fast überall die Basis bilden und Alternativen kaum vorgesehen sind.
Wer sich darauf einlässt, bekommt keine perfekte Tour, sondern eine ehrliche. Und genau das macht ihren Reiz aus.
Persönliches Fazit
Der Peaks of the Balkans war für mich keine Tour, die ich wegen einzelner Etappen, Gipfel oder Landschaften in Erinnerung behalten werde. Es war die Summe aus Hitze, Erschöpfung, Improvisation und Begegnungen, die diese Tage geprägt hat. Körperlich war es eine der anstrengendsten Wanderungen, die ich gemacht habe, obwohl sie technisch vergleichsweise leicht ist. Gerade diese Diskrepanz hat mich überrascht und mir erneut gezeigt, wie sehr Faktoren wie Klima, Länge und Rahmenbedingungen eine Tour verändern können.
Ich habe unterwegs viel über Tempo, Pausen und Erwartungen gelernt. Darüber, wie schnell aus einer vermeintlich gut planbaren Route eine Herausforderung werden kann und wie wichtig es ist, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Gleichzeitig waren es genau diese Umstände, die Raum für Nähe geschaffen haben. Zu Mitwandernden, zu Gastgebern und zu einem Alltag, der deutlich einfacher, aber nicht ärmer wirkt.
Ich würde diese Tour nicht noch einmal in genau dieser Form gehen. Nicht zehn Tage am Stück und nicht mit dem Anspruch, jeden Abschnitt „durchzuziehen“. Aber ich bin sehr froh, sie erlebt zu haben. Der Peaks of the Balkans ist keine schöne Tour im klassischen Sinn. Er ist roh, fordernd und manchmal unbequem. Und gerade deshalb bleibt er.
