Casablanca – Der erste Blick
In Casablanca sitzen Menschen unter Planen auf dem Mittelstreifen einer vierspurigen Straße. Der Verkehr fließt weiter, Autos halten kurz an. Manche reichen Geld durch das Fenster. Dann fahren sie weiter.
Ich sitze im Auto und weiß nicht, wohin mit meinem Blick.
Marokko beginnt für mich nicht mit Landschaft, sondern mit einem Gefühl. Zwischen Neugier und Unbehagen, zwischen Beobachten und Wegsehen. Ich bin hier, um zu reisen. Doch in diesem Moment wird mir bewusst, wie unterschiedlich Wirklichkeit aussehen kann je nachdem, auf welcher Seite der Scheibe man sitzt.
Azemmour – Beobachtet werden
Dieses Gefühl begleitet mich weiter entlang der Küste. Die Straße wird schmaler, die Städte kleiner, der Verkehr ruhiger. In Azemmour wirkt alles langsamer, fast verschlafen.
Wir kaufen Gebäck in einer kleinen Bäckerei und setzen uns auf eine niedrige Mauer am Rand der Altstadt. Es ist warm, der Nachmittag ruhig. Während wir essen, bleiben ein paar Kinder in einiger Entfernung stehen und beobachten uns.
Ich frage mich, ob sie einfach nur neugierig sind. Oder ob sie tatsächlich Hunger haben, und wir gerade demonstrativ vor ihnen sitzen und essen.
Azemmour – Die Kamera
Am Abend verändert sich die Stadt. Der kleine Markt füllt sich, Stimmen werden lauter, Fleisch hängt vor den Läden, Hühner werden direkt vor Ort geschlachtet. Gerüche, die ich nicht einordnen kann. Alles wirkt roh, unmittelbar, ungefiltert.
Ich möchte dieses Treiben festhalten. Nicht aus Sensationslust, sondern weil es so intensiv ist, so anders als alles, was ich gewohnt bin. Meine Hand wandert zur Kamera – und bleibt dort.
Zu viele Menschen. Zu viele Blicke. Ich weiß nicht, ob ich gerade dokumentieren würde oder stören. Ob ich einen Moment bewahre oder mir etwas aneigne, das mir nicht gehört.
Das Dorf
Ein paar Tage später halten wir in einem kleinen Dorf an. Ein unscheinbarer Minimarkt, kaum größer als ein Zimmer. Wir wollen nur Wasser kaufen.
Kaum steigen wir aus, kommen Kinder angelaufen. Erst zwei, dann fünf, dann mehr. Sie umringen uns, stehen dicht vor uns, sprechen durcheinander. Hände strecken sich aus. Ich verstehe nur einzelne Worte.
Es geht schnell. Zu schnell, um nachzudenken. Ich spüre Nähe, die ich so nicht gewohnt bin. Kein Abstand, kein höfliches Zögern. Nur Präsenz.
Ich weiß nicht, ob ich helfen soll, ob ich wegsehen soll, ob ich bleiben oder einfach wieder ins Auto steigen soll. Am Ende kaufe ich Wasser. Wir fahren weiter. Das Gefühl bleibt.
Die Küste
Wenige Kilometer weiter wird es still. Die Straße endet in Sand, der Atlantik liegt vor uns, grau und weit. Im März scheint die Küste verlassen. Kilometerlang kein Hotel, keine Strandbar, kein Schild, das irgendetwas verspricht. Nur Wind, Wellen und offene Fläche.
Wir laufen am Strand entlang, fast allein. Die Leere wirkt zunächst wie ein Geschenk. Kein Gedränge, keine Selfies, kein Lärm. Nur das Meer.
Doch selbst hier bleibt ein Rest von Unruhe. Ich frage mich, ob diese Weite wirklich Freiheit ist, oder nur die Abwesenheit von Infrastruktur. Ob ich sie als romantisch empfinde, weil ich weiß, dass ich jederzeit wieder gehen kann.
Wer sich für die Route entlang der Atlantikküste interessiert und konkrete Orte, Stopps und praktische Hinweise sucht, findet im ausführlichen Küstenartikel eine strukturierte Übersicht meiner Strecke von Casablanca bis Essaouira.
Essaouira – Der Hafen
Am Morgen liegt der Hafen von Essaouira voller Bewegung. Kleine Fischerboote entladen ihren Fang, Möwen kreisen und stürzen sich auf Fischreste, Männer rufen durcheinander. Alles wirkt organisiert und chaotisch zugleich. Ich beobachte, diesmal mit Kamera in der Hand.
Ein Mann spricht uns an. Er wolle uns einen besseren Blick zeigen, sagt er. Einen Ort, den Touristen sonst nicht sehen. Wir folgen ihm durch schmale Wege, vorbei an Werkstätten, hinein auf ein Gelände, das sich nicht mehr wie öffentlicher Raum anfühlt.
Zwischen halbfertigen Holzbooten erklärt er uns, wie sie gebaut werden. Er spricht schnell, gestikuliert viel. Es ist faszinierend. Und gleichzeitig spüre ich, dass wir hier nicht einfach nur Gäste sind.
Am Ende nennt er einen Preis. Er ist höher, als wir erwartet haben. Viel höher. Wir zögern, bieten weniger. Seine Stimme wird lauter, sein Blick härter. Für einen Moment kippt die Situation.
Wir geben ihm die Hälfte. Er ist wütend, redet weiter, erklärt noch etwas über die Schiffe, als wäre nichts gewesen. Doch wir gehen. Ohne Verabschiedung, ohne Versöhnung.
Auf dem Rückweg zum Hafen frage ich mich, ob wir gerade ausgenutzt wurden. Oder ob wir selbst geglaubt haben, ein besonderes Erlebnis zum passenden Preis bekommen zu können.
Was bleibt
Als wir Essaouira verlassen, denke ich wieder an den Mittelstreifen in Casablanca. An den Blick, den ich nicht einordnen konnte. Vieles von dem, was ich in diesen Tagen gesehen habe, bleibt bruchstückhaft. Begegnungen, Blicke, Momente zwischen Nähe und Distanz.
Vielleicht ist das ehrlicher, als so zu tun, als hätte ich etwas verstanden.
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